Sie wirken noch

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Nach einem entspannten aber ziellosen Bummel zu zweit um das Peace Hotel herum führten uns die beiden Peters heute zur Marco Polo Brücke. Eine Menge kleine steinerne Löwenfiguren (282 oder 502 – schwer zu sagen) und einige kaiserliche Inschriften säumen die ansonsten eher unspektakuläre Brücke, die einst von Marco Polo gerühmt, seitdem aber weggespült und wieder neu gebaut wurde – nichts erinnert hier an den reisefreudigen Italiener; die Chinesen nennen sie Lúgōu Qiáo und identifizieren sie mit etwas ganz anderem: dem Überfall der Japaner auf das nicht-besetzte China und den Beginn der chinesisch-japanischen Front des Zweiten Weltkriegs.

Demselben Thema ist auch ein nahegelegenes Museum gewidmet: Das „Museum of the War of Chinese People’s Resistance Against Japanese Aggression„. So platt propagandistisch und düster, fast primitiv dieses Museum das Loblied der heldenhaften chinesischen Kommunisten gegen die verbrecherischen und schurkenhaften Japaner auch präsentiert, so interessant war zu sehen, wie diese einfache Botschaft von den chinesischen Besuchern (wir sahen keine Ausländer um uns herum) aufgenommen wird. Eine der Tourguides stimmte ein (Kampf-?)Lied an und ihre chinesische Besuchergruppe stimmte ein. Mindestens ebenso interessant war, wie verklärt der junge Mao als Messias, aber auch Zhōu Ēnlái, Lin Biao, Liú Shàoqí, Deng Hsiao-Ping und andere dargestellt werden als Befreier ihres Volkes.

Erst hier wurde mir die wirkliche Bedeutung eines etwas absurden Anblicks vom Vormittag klar: Mitten in der Einkaufsmeile, wo westliche Nobelmarken um die Gunst des betuchten chinesischen Publikums wetteifern, stellt ein Bildergeschäft drei überlebensgroße, aufwendig gerahmte Fotografien aus: von Mao, Chou En-Lai und Liu Shao-Chi, allein für dessen Erwähnung man sich Anfang der siebziger Jahre seines Lebens nicht mehr sicher gewesen wäre. Die Ehrfurcht vor den Helden von damals wirkt noch, und es würde mich nicht wundern, wenn an Maos Grab Räucherstäbchen verbrannt würden.

Zum Abendessen besuchten wir ein von Nordkorea betriebenen Restaurant. Die Kellnerinnen waren wunderschön gekleidet und liebenswürdig, das Essen war exquisit – deutlich verschieden in Zusammensetzung und Darreichung vom chinesischen Essen. An der Wand lief auf einem großen Bildschirm ein Propagandafilm mit trommelnden, fidelnden und singenden Mädchen vor dem Hintergrund von Aufmärschen, Paraden, Ansprachen der drei Kims – und alles ohne Ton. Wo waren wir hier hineingeraten? Wenn irgendein Moment unserer Reise mich in einer Zeitschleife um mehr als 40 Jahre zurückversetzt hat, dann dies.

Gut verköstigt, aber mit einem mulmigen Gefühl im Bauch betraten wir wieder die Gegenwart und schlenderten noch eine Weile durch die belebten Straßen und Geschäfte des China von 2013.

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Auf die Minute

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In Ningbo ließ ich in der Eile meinen in Zürich gekauften neuen Panamahut im Hotel. Bis zur letzten Minute hoffte ich, dass er rechtzeitig zum Hotel in Hangzhou nachgeschickt werde, aber nun sausen wir – ohne Hut – im Hochgeschwindigkeitszug mit über 300 km/h nach Beijing.
Der Zug übertrifft an Komfort den von Quanzhou nach Ningbo nochmal locker. Sechseinhalb Stunden dauert die Fahrt von Hangzou nach Beijing, und nach 1633 km kommt er auf die Minute pünktlich an. Da hat selbst die schweizer SBB Mühe mitzuhalten, von der deutschen Bahn ganz zu schweigen.
Der Nachteil ist, dass die Landschaft unerklärt vorbeirast; näher als im Flugzeug, aber doch weit weg. Wir überqueren den Jangtse, einen etwas unspektakulären Gelben Fluss, erleben insgesamt 5 Minuten Sonnenschein, sonst verschiedene Abstufungen von Dunst. Über weite Strecken wohlgepflegte, aber menschenleere Felder.

In den Bahnhöfen in Hangzhou und Beijing sprudelt das Leben , anders als in dem riesigen aber sonderbar unbelebten Bahnhof außerhalb von Quangzhou. Dann stellt sich heraus, dass unser neuer lokaler Reiseleiter Peter einen zu kleinen Bus geordert hat, aber mit pragmatischer Improvisation gelingt es ihm und dem Busfahrer, sowohl unsere Koffer, als auch uns in das Gefährt zu stopfen und wohlbehalten zum Peace Hotel zu bringen.

龙井茶 – Grüntee für Kenner

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Wir besuchten die Lóngjǐng (Drachenbrunnen) Teefarm etwas außerhalb Hangzhous und kraxelten durch die auf Terrassen angebauten Teesträucher. Alles ist grün hier und macht einen wohlhabenden Eindruck. Bei den Chinesen gibt es Grüntee-Connaisseurs, vergleichbar unseren Weinkennern, die über die Geschmacksnuancen verschiedener Lagen und Jahrgänge fachsimpeln können. Frühlingstee ist der beste, und das Zentralkommittee in Beijing trinkt bei seinen Sitzungen ausschließlich Drachenbrunnentee. Wir demnächst auch, denn nach einem perfekten Verkaufsgespräch kauften fast alle aus unserer Reisegruppe zwei oder mehr prall gefüllte Dosen Grüntee der besten (in jedem Fall aber teuersten) Sorte; ab zwei Dosen gibt es noch eine Baby-Dose als Zugabe.

Danach fuhren wir zur Liuhe Pagode, die derzeit wegen Renovierung geschlossen ist. Sie liegt auf einem Berg in einem idyllischen Park mit vielen Modellen diverser Pagoden aus ganz China und einem kleinen aber kaiserlichen Goldfischteich. Vom Park sieht man auf den einen Kilometer breiten Fluss Qiantang, an dessen gegenüberliegenden Seite sich die Skyline des neuen Geschäftszentrums erhebt: Hochhaus neben Hochhaus, und alles Idyllische ist wie weggeblasen.

Nach Mittagessen mit vielen „Gute-Geschmack-Speisen“ (so Franziska) schlenderten wir durch ein nettes Viertel mit Antiquitäten und anderen Läden, ehe wir uns – zurück im Hotel – auf drei Fahrräder schwangen (Magi, Elke und ich) und uns in den Verkehr warfen.

Nach kurzem ziellosen Herumfahren fanden wir uns in einer Villengegend wieder, wo die noblen weiträumigen bewachten Häuser, die
Gartenanlagen, die Automodelle, der lauschige Park davor – einfach alles – nach Geld aussah. Nach viel Geld.

Zum Abschied von Hangzhou statteten wir nochmal dem Marschall Lin Biao einen Besuch ab: wir gingen in sein großes unterirdisches Hallenbad, das jetzt zu unserem Hotel gehört und vermutlich nach seiner Zeit mit kitschigen Buddhafiguren und Felsbrocken aus Pappmachée verziert wurde.

Dämonen am Westsee

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Das Shangrila ist das älteste noble Hotel in Hangzhou. Es wird von den chinesischen Touristen gemieden. Der Grund, auf dem es gebaut wurde, war ein Friedhof, und man erzählt sich allerlei Gespenstergeschichten rund um das Hotel. Eigentlich wollte Peter uns dort unterbringen, aber dann wurden unsere Reisepläne geändert, denn quasi im Hintergebäude unseres Zhejiang Hotels gibt es einen anderen Untoten zu sehen: Lin Biao und sein „Projekt 704“ – eine atombombensichere Bunkeranlage, darüber das Wohnhaus des Marschalls und nach Mao zweiten Mannes in China, vollendet im April 1970, ein Jahr vor seinem plötzlichen abrupten Verschwinden und In-Ungnade-fallen.
Alles kann jetzt besichtigt werden, und im Eingang des Bunkers ist ein sehr gespenstischer Souvenirladen, wo von der Mao-Plakette über das „kleine rote Buch“ bis zu einem mit Lin-Biao-Bildern verzierten Fächer alles zu haben ist, was einem eingefleischten Lin-Biao-Anhänger das Herz höher schlagen lassen mag. Junge Chinesen aus der Generation unserer Franziska scheinen diesen Namen überhaupt nicht mehr zu kennen.
Der nächste verstorbene Heroe, dem wir unsere Aufwartung machten war Yue Fei. Er war ein Feldherr, der die Vereinigung Chinas in einer Zeit der Zersplitterung im 9, Jahrhundert anstrebte und einer Palastintrige zum Opfer fiel. Mao pries diesen Vereiniger Chinas (mit Taiwan im Hinterkopf) und spendierte eine Kalligraphie für eine Gedenkhalle mit sehr maoistisch-realsozialistischen Propagandagemälden, vor der ironischerweise heute Räucherstäbchen verbrannt werden, weil Maos Lob zu einer Vergötterung dieses Helden beigetragen hat und die gläubigen Chinesen vor nichts halt machen.
Dann kamen wir zur Lei Feng Pagode und mit ihr zur weissen Schlangenfrau. Von dieser Geschichte gibt es einen netten Aufsatz von Lu Xun, den ich vor der Reise gelesen und auch mitgenommen hatte, so dass wir am Fuß dieser neuerrichteten Pagode eine kurze Lu Xun Lesung einlegen konnten. Danach fuhren wir mit dem Aufzug in die komplett neue und nur von außen alt aussehende Sightseeing-Konstruktion, aus der bestimmt alle alten Geister ausgetrieben worden sind.

Am Abend erlebten wir eine spektakuläre Show auf dem Westsee („Impression West Lake“), mit über hundert Darstellern, Tanz auf dem Wasser, perfekter Beleuchtung, Wassereffekten, mitreißender Musik. Es ging um die klassische Geschichte von einem Liebespaar, das von bösen Mächten auseinandergerissen wird. Das chinesische Publikum, das inmitten der Vorstellung gerne laut mit dem Handy telefoniert, und um sich besser verständlich zu machen, aufsteht und gegen die Musik anbrüllt, oder sich einfach nur so gut unterhält, gab der herzergreifenden Story eine ganz eigene Note.

Die Taxifahrt zurück zum Hotel kostete umgerechnet € 2.25.

So ein schöner See

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Wir haben einen neuen lokalen Tourguide: Franziska („Sie können mich Franzi nennen“). Sie stammt aus Harbin in Nordchina wo man nicht Bier sondern Schnaps trinkt, und lebt seit 6 Jahren in Hangzhou. Sie ist 27, hat vier Jahre Germanistik an der Universität in Hangzhou studiert, spricht sehr gut und deutlich deutsch und ist Tourguide mit ganzer Seele. Sie übertrifft sich immer wieder selbst mit Euphämismen, alles – auch unsere Reisegruppe – ist schön und gut.

Unser schönes Hotel – das ZTG Zhejiang Hotel – liegt nahe am schönen West-See, außerhalb von Hangzhou. Hier ist alles grün und idyllisch; die 8-Millionenstadt sehen wir nur als dunstige Skyline am Horizont.

Wir besichtigen eine große buddhistische Tempelanlage – den Lingyin Tempel – wobei uns viele Zusammenhänge diesmal durch Franziskas sehr lebendige Erklärungen deutlich werden. 70% der Chinesen glauben – nach ihrer Darstellung – „irgendwie“ an die buddhistischen Gottheiten, aber nur weniger als 30% hält sie für tief gläubig.

Wieder sehen wir viele Gläubige, die sich im knien verneigen und Räucherstäbchen verbrennen und mir fällt auf, wie naht- und reibungslos stille Andacht und touristischer Troubel aneinander vorbei und ineinander fließen. Die Dinge um die es in den Gebeten geht, sind unbefangen pragmatisch. Gutes Wetter, Gesundheit, Reichtum, Erfolg in der Prüfung.

In der Halle für Heilkraft stehen die Allegorien der chinesischen Tierkreiszeichen aufgereiht. Schlange und Hase – Elke und ich passen nach dem chinesischen Horoskop bestens zusammen, jedenfalls hat das Franziska zuverlässigen Quellen im Internet entnommen.

Wir spazieren durch die Parkanlagen am Westsee, sehen schöne dicke Goldfische und machen eine Bootsfahrt vorbei an sehr schönen Inselchen. Gekrönt wird der Abend von einem fulminanten Essen im Louwailou Restaurant direkt am See, bevor uns der Bus wieder in unserer etwas abseits gelegenen Nobelherberge abliefert.

Jiang Kai-Shek und Lu Xun

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Wir saßen lange im Bus heute und gelangten von Ningbo bis Hangzhou. Dazwischen machten wir zwei hochinteressante Stopps, die sich mit der jüngeren Geschichte Chinas befassten.

In Xikou besichtigten wir den Geburts- und Wohnort von Jiang Kai-Shek, Maos kurzzeitigem Verbündeten gegen die Japaner, aber vor allem Erzfeind und späteren Präsident-Diktator von Taiwan. Auch hier war der Andrang chinesischer Besucher enorm (niemand, den wir fragten, kam aus Taiwan, und Elke war begehrtes Fotomotiv). Die Ausstellung zeigt Fotos der Mitglieder von Jiang Kai-Sheks Familie und vermeidet jedes politische Statement. Aus seinem erweiterten Clan gibt es Menschen, die heute noch in dem Ort leben – ein angeblicher Verwandter, gekleidet und frisiert im Stil des vorletzten Jahrhunderts, verlangte Geld dafür, mit ihm fotografiert zu werden.

In Shaoxing besichtigten wir den Geburtsort von Lu Xun. Dessen geräumiges Elternhaus strahlt einen Wohlstand und eine in sich gekehrte Ruhe aus, die selbst dem ohrenbetäubenden Geschrei der chinesischen Tourguides und Andenkenverkäufer standhielt. Leider ging mal wieder alles viel zu schnell, und unser taoistischer Tourguide Michael schleppte uns in eine Kaschemme, wo wir den örtlichen Reiswein verkosteten und den Booten zusahen, die den Kanal nebenan entlanggondelten.

Heiliger Berg

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Heute fuhren wir zum Putuoshan, einem der vier heiligen buddhistischen Berge Chinas. Die Fahrt führt über eine gigantische, ultramoderne 38 km lange Brücke über das Meer, und nur die letzte 10-Minuten kurze Strecke von Shenjiamen wird mit dem Schiff zurückgelegt. Wir besichtigten zwei buddhistische Tempel, unser langhaariger Tour Guide Michel (Huang Zhan) beschränkte sich darauf, uns die jeweilige Abfahrtzeit mitzuteilen und entließ uns ansonsten in gut taoistischer Weise unseren eigenen Wahrnehmungen. Von dem sagenhaften „märchenhaften Land der Unsterblichen“ und der Schönheit der Landschaft Putuoshans bekamen wir in dem Gewühl chinesischer Touristengruppen mit megaphonbewehrten Tourguides wenig mit, aber zwei Dinge von Bedeutung sind festzuhalten: hier sahen wir die mittlere Generation in Aktion – beim hingebungsvollen Verbrennen von Räucherstäbchen, und wir erlernten – dank einer Schrifttafel am Tempeleingang die „Basic ethic codes for citizen“ kennen, die allen Parkbesuchern nahegelegt werden:
Patriotism and law-abiding reason and honesty, solidarity and friendship diligence and self-uplifting dedication and selflessnes„.

Schnell nach Ningbo

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Bis heute war ich ein echter Fan des TGV, des super-schnellen Zugs von Zürich nach Paris in 4 Stunden. Heute hat sich das sehr relativiert. Von einem futuristischen Bahnhof außerhalb von Quanzhou fuhren wir in ca. 5 Stunden nach Ningbo, einer Stadt mittlerer Größe (der Reiseführer spricht von 2.2 Mio Einwohnern, der lokale Reiseleiter von 5 Mio.). Die Fahrt war komfortabel, geräumig, pünktlich, ruhig bei 200 km/h – alles, was man sich als Bahnreisender nur wünschen kann – in Perfektion.

Unser lokaler Reiseleiter in Ningbo – Michael – arbeitet als Aushilfe bei der chinesischen Reiseagentur – zu wenige englischsprachige Touristen verirren sich hierher. Er trägt auffallend glattes langes Haar, betätigt sich als Tänzer und studiert Touristik an der örtlichen Hochschule.

Am Abend machen Elke und ich uns mit einem chinesischen Stadtplan (nur mit chinesischen Zeichen beschriftet) auf den Weg zum Tian Yi Platz, an dem das Zentrum des Ortes mit vielen Läden und Malls hätte sein sollen, wir aber nur eine riesige Baustelle fanden. Stattdessen beendeten wir den Abend in einer Touristengasse mit vielen Pubs und Jazz-Clubs – total verwestlicht, aber für chinesisches Publikum – mit einem (oder zwei) Paulaner Weizen, Frühlingsrollen, Won-tan und Dumplings. Zumindest dieser Teil Chinas sieht sich schon ganz als Teil der westlichen Lebensweise.

Quanzhou im Regen

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Wir besuchten den Kaiyuan Tempel – eine große buddhistische Anlage, die seit 686 AD genutzt und immer wieder erneuert wurde. Einige Elemente (die sonst im chinesischen Buddhismus nicht vorkommen) zeigen indischen Einfluss. In einer der Hallen beobachteten wir eine buddhistische Beerdigung; die Luft war erfüllt vom Duft der Räucherstäbchen, und Papiergeld wurde verbrannt.

Das „Quanzhou Museum for Overseas Communications History“ ist der eigenartigen Geschichte der Chinesischen Hochsee-Schiffahrt gewidmet. Der etwas vergammelte real-sozialistische Neubau von 1991 enthält Schiffsmodelle; er dokumentiert, wie in vieler Hinsicht der Schiffbau in China dem europäischen lange und weit überlegen war. Die glorreiche Vergangenheit der Chinesischen Hochseeschiffahrt erlebte ihren Höhepunkt in den Expeditionen des Zheng He 1405-1433 bis nach Afrika. Danach befand der Kaiser, dass das Ausland China nichts zu bieten hatte und löste die riesige Flotte auf. Danach kamen die Europäer.

Am Nachmittag schlenderten wir zu zweit durch Quanzhou, erlebten das pulsierende Leben auf den Straßen – gibt es eigentlich nur junge Leute hier? – konsumierten einen Mangosaft hier, einen Cappucchino (Lavazzo – Italy’s favorite Coffee) dort, kamen in einen heftigen Regenguss, fanden Unterschlupf in einem der zigtausend kleiner Läden mit lieben fröhlichen Menschen dort – gibt es eigentlich nur junge Leute hier? – und beendeten unseren Abend in unserem Stammlokal abseits der Straße mit zwei sehr frischen und leckeren Fischen, Tsingtao Bier und super-freundlichem, herzerfrischend entgegenkommendem Personal. Der Inhaber – endlich mal ein Mensch unserer Generation – versuchte, uns am Schluss in ein Gespräch zu verwickeln, was aufgrund völliger Unkenntnis der gegenseitigen Sprachen eine erstaunlich gesellige Sache war.

Liebliche Landschaften

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Um 9:00 Abfahrt nach Shijing und Besuch einer Gedenkhalle von Zheng Chenggong, auf dessen Zehen wir schon auf der Insel Gulangyu gesessen haben. Links und rechts der Straße werden Steine angeboten, gehandelt, gelagert, zur Schau gestellt. Kilometerweit ein Stein-Lieferant neben dem anderen: Riesige Quader, Platten, Kunststeine.
Die Gedenkhalle zeichnet sich durch ungewohnte Leere und Ruhe aus. Kaum chinesische Besucher, außer uns keine Ausländer. Niemand fährt nach Shijing („Steinbrunnendorf“), es sei denn um Geschäfte mit Steinen zu machen. Auch unsere Reiseleiterin Jennifer war noch nie von Ausländern um einen Besuch dieses Ortes gebeten worden.

Nach einem fulminanten Mittagessen geht es weiter zum Grab dieses Heroen in Shuitou – die Fahrt dorthin gerät zum Abenteuer, denn kurz vor Ankunft am Zielort steht unser Bus vor einem riesigen Loch: die gesamte Straße wurde weggebaggert, und auch alle Umwege führen nur zu Baugruben. Hier wird die gesamte Landschaft in einer riesigen Baustelle umgepflügt für neue Autobahnen, Wohnsiedlungen, Fabrikgelände, und schließlich wandert unsere kleine Reisegruppe zu Fuß durch den Matsch, bis wir schließlich an der ausgedehnten aber völlig verwaisten Anlage ankommen, wo Grünzeug durch die unbetretenen Platten des Weges sprießt, und Jennifer und Peter gemeinsam mit uns Blumen auf dem Grab niederlegen und uns dreimal verbeugen.

Im Reiseprogramm, das Peter für uns zusammengestellt hat, und das auf seinen Eindrücken beruht, die vielleicht zehn Jahre zurückliegen, heißt es: „Die Anfahrt erfolgt durch eine liebliche Landschaft, aber mit verlassenen Dörfern (Landflucht)“. Pustekuchen. Nichts davon. Die gesamte Strecke von Xiamen bis hier und weiter bis Quanzhou – dem heutigen Ziel unserer Reise – ist eine riesige Baustelle, wo 20-stöckige Wohnsiedlungen sich aneinanderreihen, vielspurige Autobahnen mit ihren Auffahrrampen entstehen, und emsige Geschäftigkeit herrscht.

Kurz vor Quanzhou machen wir einen dritten Besichtigungsstopp in Huabiaoshan, um einen Tempel der Manichäer zu besichtigen. Ich muss zugeben, dass mir der Begriff „manichäisch“ bislang nur in übertragenem Sinn untergekommen ist (Beispiel: „Die Fixierung Reagans auf moralische Kategorien und sein manichäisches Denken führte dazu, dass viele Entscheidungen zu dringlichen Prinzipienfragen hochstilisiert wurden“ (aus Funke, Gott Macht Amerika). Viel mehr über Denken und Wirken der Anhänger Manis weiss ich jetzt auch nicht, und der Tempel macht einen etwas sonderbaren Eindruck, aber er liegt an einem idyllischen Ort, der langsam vom Moloch der Urbanisation umzingelt wird.
Tempel der Manichäer in Huabiaoshan