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Um 9:00 spazieren wir bei strahlendem Sonnenschein und tief blauem Himmel vom Hotel zum Tiān’ānmén Platz. Hier habe ich mich vor 40 Jahren ablichten lassen. Der Fotograf hatte ein Stativ und ein schwarzes Tuch über die Kamera gehängt und der Platz war weitgehend menschenleer.
Heute tummeln sich zigtausende hier, vom Straßenverkehr ganz zu schweigen. Jeder Zweite trägt ein Smartphone oder Tablet und knipst – nicht zuletzt uns. (Eine Familie, mit der wir knipsenderweise ein paar Worte wechseln, kommt aus der Inneren Mongolei.) Nur der große Vorsitzende lächelt unverändert (weil alle paar Jahre neu übermalt) von der roten Wand.

Es folgt ein Gang durch den Kaiserpalast. Ich habe eine dünne Hochglanzbroschüre bei mir von meinem damaligen Besuch: „The Former Imperial Palaces“ mit Abbildungen der wichtigsten Anlagen und zeitbedingten Formulierungen wie: „The grandeur and magnificence of the structure fully demonstrate the wisdom, talent and highly accomplished building technique of China’s ancient labouring people.

 
In der Tat, die Gebäude haben sich seitdem kaum verändert. Und doch ist alles ganz anders. Das chinesische Volk hat sich die Verbotene Stadt erobert. Zugegeben, auf dem Platz vor dem Tiananmen steht eine dreiköpfige Truppe Wache und wir sehen ihnen bei der Wachablösung zu. Aber das hat nichts einschüchterndes, selbst der Stechschritt wirkt wie folkloristisches Ballett, nicht wie militaristischer Übereifer. Unser Tourguide macht sogar ein paar Bemerkungen zu den Tiān’ānmén Ereignissen von 1989; dass er dabei gewesen sei, und dass die wirkliche Zahl von Toten von der Regierung nicht veröffentlicht werde.

Im Kaiserpalast wieder das Gedränge der chinesischen Schaulustigen, die lebendig, laut, respektlos neugierig mit den alten Gebäuden umgehen. Und natürlich die Eindrücklichkeit der riesigen Anlage, die trotz ihrer großen Ausdehnung viel mehr Harmonie und wohlproportionierter Erhabenheit ausstrahlt als das die Wolkenkratzercity von Pudong je tun wird.

Der Gott des Wetters meint es wirklich gut mit uns. Nach einem sehr guten Mittagessen im Separee erklimmen wir den Kohlenhügel nördlich des Kaiserpalasts, sehen über ganz Beijing bs zu den Bergen am Horizont. Es gibt auch fast keinen Smog. War der einschlägige Wert gestern noch bei 180, so fiel er bis heute um 11:00 Uhr auf 38 und stieg bis 17:00 auf 61. Zur Orientierung: bis 50 gilt als „good“, bis 100 als „moderate“, bis 150 als „unhealthy for sensitive groups“, bis 200 als „unhealthy“, bis 300 als „very unhealthy“, darüber als „hazardous“.

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