Behauptete ich gestern, niemand in China interessiere sich für die Vergangenheit, erlebten wir heute die Gegenthese. Wir besuchten das Shanghai Museum, das nach Peters fachkundigem Urteil die weltweit beste Sammlung antiker chinesischer Bronzeobjekte beherbergt, Aquarelle alter Meister sowie Keramik und Porzellan von den neolithischen Anfängen bis heute.
Überraschend war der nicht abreißende Strom von Schulkindern, teils in Schul- oder Pionieruniform, die von ihren Erziehern durch die Ausstellung geschleust wurden, und wir machten uns Gedanken, welche Eindrücke sie wohl von diesem nun wirklich alten Zeugs mitnehmen werden.

Die Vergangenheit ragt auch an anderer Stelle in paradoxer Weise in die Gegenwart herein. Wenn etwa in dem nach dem Literaten und Reformer Lu Xün benannten Park – dessen Grab wir in diesem Park besuchten, das mit einer handschriftlichen Kalligraphie des großen Vorsitzenden Mao verziert ist – sich ein reger Hochzeitsmarkt etabliert hat, in dem die Eltern unverheirateter junger Menschen die Ehen ihrer Kinder aushandeln wie Immobiliengeschäfte. Dazu muss man wissen, dass Lu Xün sich sehr früh und sehr entschieden für die Gleichstellung von Frauen – auch in ökonomischer Hinsicht – ausgesprochen hat. Er würde sich über diesen Markt in seinem Park sicher wundern. Falls er Mao überlebt hätte.

130515-103m Bei einer Bootsfahrt auf dem Huangpo sehen wir die gespenstisch im Nebel verschwindenden Hochhäuser auf allen Seiten, und dann erklingt vom alten Zollhaus am Bund die Glockenmelodie – nein, nicht von Big Ben sondern „Der Osten ist rot“, die Hymne der Kulturrevolution die zu dieser Kulisse passt wie die Faust aufs Auge.