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Eine Woche vor Reiseantritt will ich so tollkühn sein und versuchen, meine Erwartungen zu beschreiben, indem ich sie kontrastiere mit den Bildern, die wir auf unserer Reise 1973 gemacht haben. Ich bin selbst gespannt, wie sich mein Bild von China durch die Reise verändern wird. Ich wäre nicht erstaunt, wenn ich in drei Wochen alles hier löschen und komplett neu schreiben müsste.

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Wo wir auch auftauchten, standen wir im Mittelpunkt des Interesses. Für viele waren wir die ersten Ausländer. Teilweise sammelten sich Menschentrauben um uns. Allerdings war diese Zuwendung niemals aggressiv. Wir fühlten uns in keinem Moment belästigt oder bedroht.

Das Straßenbild war geprägt von Fahrrädern und Fußgängern und der fast vollständigen Abwesenheit von Autos. Die Straßen waren voller Menschen und ungefährlich.

Neben den staatlichen Kaufhäusern gab es in den Städten Straßenhändler, die mit einfachsten Mitteln so etwas wie einen rudimentären Markt am Laufen hielten.

Unterkünfte für Reisende gab es (außer dem Peace Hotel in Shanghai) so gut wie gar nicht (Das Gästehaus Zunhua, in dem wir nächtigten, ist abgebildet). Auch Restaurants und öffentliche Lokale bewegten sich auf elementarstem Niveau, wenngleich es sie in den Städten durchaus gab.

Die großen Prachtstraßen in Beijing waren fast gespenstisch leer. Nicht einmal die Fahrräder kamen gegen die Leere an. Der Höhepunkt dieser Leere war den riesige Tienanmen, bei dem zwar Gruppen von Chinesen (auf Kommando? aus Begeisterung?) hinpilgerten und aufmarschierten, das Gefühl der Leere konnten auch sie nicht übertönen.

Persönliche Kontakte zu Chinesen waren nicht vorgesehen. Wir hatten eine straffe Reiseleitung, die sich um alles kümmerte. Manchmal durften wir Familien in ihren Wohnungen „besichtigen“, was aber immer Vorzeigefamilien waren, die die offiziellen Parteiparolen nachbeteten.

Was sich vermutlich am wenigsten verändert hat, sind die Tempel und Paläste. Sicher waren damals weniger geöffnet als heute, das mag mit den Wirren der Kulturrevolution zusammenhängen, aber was wir damals sehen konnten, quoll über vor Pracht, wie es sich für den Kaiser von China gebührt. Dafür konnte man sie vielleicht noch besser besichtigen, weil es weniger Besucher gab.

Eine der ganz großen Veränderungen ist die Abwertung des ländlichen Raumes. Maos Versuche, die Entwicklung Chinas vom Dorf aus zu treiben, sind komplett gescheitert. Damals waren die Bauern die Helden und uns wurden ländliche Volkskommunen vorgeführt, die Kleinindustrie entwickelten. Diese Ansätze sind im mehrfachen Desaster von „großem Sprung“, „Kulturrevolution“ usw. zugrunde gegangen.

Die Kehrseite derselben Veränderung – weg vom Land, hin zur Stadt – ist die explosionsartige Entwicklung der Städte, die alle Besucher erschlägt. Hochhäuser gab es 1973 nur ganz wenige in Shanghai (wir wohnten im Peace Hotel), und sie waren Fremdkörper. Dafür waren die Straßen – in Abwesenheit von kommerzieller Werbung – mit Propaganda-Wandzeitungen dekoriert.

Die industrielle Basis Chinas hat sich komplett revolutioniert. Die Industriebetriebe, die uns damals vorgeführt wurden, waren im Grunde gemütliche, traditionelle kleine Manufakturen: Kunstkeramik, Papierblumenherstellung, Teppichknüpferei, Seidenhaspelei, alles in Handarbeit. China als Werkbank der (kapitalistischen) Welt war unvorstellbar.

Selbst die Dieselmotorenfabrik in Shanghai beschäftigte sich mit dem Schreiben von Wandzeitungen. Die (permanente) Industrieausstellung in Shanghai war ein Ort der Beschaulichkeit, beherrscht von einer riesigen Mao-Statue. Immerhin wurde uns (bedenke: 1973!) bereits das neueste Release des in China produzierten Computers JY-80 vorgeführt (nie wieder was davon gehört).


Ich habe Stunden mit dem Versuch verbracht, meinen alten Normal-8 Film zu digitalisieren und bin erst mal jämmerlich gescheitert. Deshalb verwende ich die alten Dias von unserer Reise. Auch hier lassen sich sicher noch bessere Ergebnisse beim Digitalisieren erzielen.
Die meisten Dias wurden – so weit ich mich erinnern kann – von Rotraut Brentzel geschossen, bei der ich mich hier herzlich bedanken möchte.